„Die Vorlesepatin ist da!“
Das zu hören, wenn ich in den Kindergarten komme, wäre Musik in meinen Ohren. Auch wenn dieser Satz in diesem O-Ton nicht fällt, so habe ich mittlerweile schon das Gefühl, dass die Kinder mich schätzen und sich freuen. Und so nehme ich mir mal die Freiheit heraus, ihr Gefühl in diese Worte zu übersetzen 😋

Nachdem ich erzählt habe, wie ich zu dem schönen Ehrenamt Vorlesepatin eines Kindergartens kam, möchte ich nun erzählen, wie die Vorlesezeit abläuft.
Tätig bin ich in einem Kindergarten in meiner Nähe (wenige Minuten Laufdistanz). Mit insgesamt drei Gruppen, zwei Kinderkrippen-Gruppen (1-3 Jahre) und einer Kindergarten-Gruppe (3-6 Jahre), ist das meiner Einschätzung nach ein kleiner Kindergarten (sagt jemand, die keine Ahnung von Kindergartengrößen hat; aber ich meine, dass das auch mal so in einem Gespräch im Kindergarten gefallen ist). In jedem Fall finde ich diese Größe sehr angenehm.
Zeitraum und Dauer
Ich komme einmal in der Woche am Vormittag für 30 bis 60 Minuten. Diese Dauer wurde mit der Kindergartenleitung abgesprochen und entspricht in etwa der Aufmerksamkeitsspanne und dem Interesse der Kinder.
Durch meine Gleitzeit auf Arbeit kann ich das gut in meinen Arbeitsalltag integrieren. Bevor ich fest dieses Ehrenamt übernahm, sprach ich das mit meinem Arbeitgeber ab.
Es gilt generell ein Rotationsprinzip, d.h. ich bin jede Woche in einer anderen Gruppe und würde dementsprechend jede Gruppe alle drei Wochen sehen. Manchmal passt das aber nicht, z. B. wenn gerade eine Eingewöhnung stattfindet oder die Gruppe auf einem Ausflug ist. Dann plane ich spontan um. Seitdem ich das weiß, dass das passieren kann, habe ich immer ein Repertoire an Büchern dabei, damit ich entsprechend reagieren kann – also jeweils ein Buch für die Kinderkrippen- und eins für die Kindergartengruppe.
Interessierte Kinder einsammeln
Wenn ich im Kindergarten ankomme, sammle ich ein paar interessierte Kinder ein. Entweder die Erzieher:innen fragen die Kinder, ich gehe auf die Kinder zu und ich frage , ob sie mit zum Vorlesen kommen möchten, oder – schönster Fall – die Kinder kommen von selbst auf mich zugelaufen.
Meine Gruppengröße variierte schon zwischen 1 und 8 Kindern. Wobei 1 und 8 die Extremen sind bisher, meistens sind es 3 bis 5 Kinder – und das ist auch meine bevorzugte Größe zum Vorlesen.
Seitdem mir eine Erzieherin dazu riet, zeige ich bei den Kleinen (U3) beim Einsammeln das Buch, damit sie das Buch erkennen und wissen, dass Vorlesezeit ist. Bei den Großen ist das mittlerweile nicht mehr notwendig.
Vorlesezeit vorbereiten
Jedes Kind holt sich ein Sitzkissen und dann suchen wir uns ein passendes Plätzchen. Bei den Größeren gehe ich meistens in den Schlafraum. Dieser Raum wurde mir anfangs vorgeschlagen und ich fand ihn ganz passend: ruhig bzgl. der Lautstärke und auch, weil es dort nicht viel gibt außer den Betten, was ablenken könnte. Bei den Kleinen kommt es drauf an: manchmal bleibe ich in ihrem Gruppenzimmer, manchmal ziehe ich auch in den Schlafraum um.
In der Fortbildung wurde uns geraten vor der Vorlesezeit zu fragen, ob jemand noch auf Toilette muss oder was trinken möchte. Tatsächlich vergesse ich recht häufig das zu machen und es war bisher trotzdem recht ruhig. Es kam bisher nur paar wenige Male vor, dass die Kinder zwischendrin gefragt haben und dann habe ich sie gehen lassen. Wir haben dann solange pausiert und geredet. Da ich bisher keine schlechten Erfahrung gemacht habe, frage ich weiterhin meistens nicht nach Toilette oder trinken.
Die Kinder lasse ich in U-Form vor mir sitzen, damit jedes Kind später die Illustration sehen kann – und damit sie mir nicht ins Buch reingucken können. Vielleicht bin ich da zu streng, aber ich möchte, dass die Kinder sich zuerst auf das Zuhören konzentrieren. Einige Kinder probieren es trotzdem, sich direkt neben mich zu setzen und reinzulunzen *hehe*, aber das ist okay.
Begrüßen und mein Ritual
Für mich beginnt die Vorlesezeit dann, wenn wir alle sitzen und ich die Kinder begrüße. Ich begrüße sie bevorzugt einzeln mit ihrem Namen – und bin auch froh, dass ich das halbwegs gebacken kriege 😀 Wenn neue Kinder dabei sind, stelle ich mich selbst mit Vornamen vor und heiße sie herzlich willkommen zur Vorlesezeit und frage nach ihrem Namen.
In der Fortbildung und aus meiner eigenen Erfahrung an einer Grundschule habe ich mitgenommen, dass Rituale sehr wichtig sind für Kinder. In der Fortbildung haben wir einige Impulse bekommen, woraus dieses Ritual bestehen kann.
Mein Ritual sieht wie folgt aus (wobei ich manchmal die Reihenfolge leicht vertausche 🙊):
Ich habe mir ein Kleidungsstück rausgesucht, also was sehr Haptisches und Sichtbares, das signalisiert, dass die Vorlesezeit startet. Bei mir sind das zu große Stricksocken, die ich mal geschenkt bekommen habe. Die werden als erstes über die Füße gezogen – egal ob Sommer oder Winter 😀 Anfangs fanden die Kinder das total komisch, denn was haben denn Socken mit vorlesen/Büchern zu tun? Als das die ersten Male gestellt wurde, habe ich mir innerlich nur gedacht: Sehr berechtigte Frage! Ich habe nicht drüber nachgedacht, ich wollte einfach nur etwas als Ritualmarker haben.
Aber mit „Kuschelsocken sind doch immer gut!“ und „So machen wir es uns gemütlich!“ und „Es ist wichtig, warme Füße zu haben“, konnte ich nicht nur sie, sondern sogar und vor allem mich selbst davon überzeugen. Akzeptiert, von allen. Mittlerweile sind wir so weit, dass sie die Socken erwarten 😁
Entweder vorher oder spätestens jetzt ziehe ich das Buch heraus, das ich mitgebracht habe. Ich zeige ihnen das Buchcover und dann sind wir schon ganz nah dran an der Geschichte.
Aber noch nicht! Zuerst machen wir uns alle körperlich warm: Im Sitzen werden die Hände ausgeschüttelt, die Hände aneinander gerieben und „warm gemacht“ und damit die Ohren massiert. Dann machen wir mit den Händen diese Klatschbewegung, wenn man mit etwas fertig ist (weißt du wa ich meine?).
Endlich wird vorgelesen!
Und dann – endlich – geht es los. Wenn neue Kinder oder Kinder dabei sind, bei denen ich weiß, dass sie reinlunzen wollen während ich vorlese, sage ich das am Anfang: Erst zuhören, dann schauen.
Und so halte ich das auch: erst vorlesen, dann das Buch umdrehen und das Bild dazu zeigen. Wenn ich die Buchseiten zeige, dann gehe ich mit dem Buch näher zu den Kindern dran, damit sie die Bilder von Nahem anschauen können. Ich fange auf einer Seite der U-Form an und bewege mich dann langsam an der U-Form entlang bis zur anderen Seite. Bei der nächsten Seite fange ich auf der anderen Seite der U-Form an.
Und die Kinder reagieren dann auf die Bilder: Sie entdecken das, was sie gerade gehört haben; sie entdecken noch mehr und benennen das. Sie stellen Fragen, manchmal frage ich sie, was sie sehen oder was das und das ist. Oft fangen sie selbst an, etwas aus ihrem Leben zu erzählen. Oft wiederhole ich erzählerisch was ich eben vorgelesen habe. Vor allem bei den Kleinen mache ich das häufig.
Hin und wieder muss ich mich daran erinnern mir Zeit zu nehmen auf der Seite zu bleiben, und dass es nicht darum geht, schnellstmöglich durch das Buch zu kommen. Denn das ist auch Teil der Vorlesezeit – reden, erzählen aus dem eigenen Leben, nach ihren Erfahrungen fragen. Oft, und das ist eigentlich eine schöne Sache, haben die Kinder von sich aus ein Redebedürfnis und teilen das mit mir. Ein Vertrauensbeweis. Manchmal muss ich sie dennoch bisschen bremsen, damit wir mit der Geschichte fortfahren können. Denn andersherum möchte ich das Buch auch zu Ende vorlesen.
Verabschieden – wir sind fertig
Wenn das Buch vorbei ist, bedanke ich mich fürs Zuhören. Wir schütteln uns alle aus, ich ziehe meine Vorlesesocken aus und verabschiede mich von den Kindern (das Ritual in abgespeckter Form und rückwärts). Und damit ist die Vorlesezeit vorbei und sie räumen die Sitzkissen auf und laufen aus dem Zimmer.
Ich packe meine Sachen zusammen und komme meistens noch ins Gespräch mit den Erzieher:innen und/oder der Kindergartenleitung und tausche mich ein wenig aus. So gut wie immer verlasse ich recht beseelt den Kindergarten und gehe zurück in meinen Alltag.
Mittagessen und dann wieder in meinen Arbeitsalltag hinein.


