Gespieltes Leben

Oft denke ich an meine Tage in Mini-München. Mini-München ist eine Spielstadt/Planspiel für Kinder, von der offiziellen Webseite heißt es:

In der Spielstadt Mini-München können Kinder und Jugendliche im Alter von 9 bis 15 Jahren arbeiten, studieren, Geld verdienen, konsumieren, bauen, Freunde treffen, Politik machen und vieles mehr.

Alle zwei Jahre fand (und findet) diese Veranstaltung in München für ein paar Wochen in den Sommerferien statt. Als ich daran teilnahm, war das noch auf dem Olympiaparkgelände; wie ich von der Webseite lernte, findet sie mittlerweile in Fröttmaning statt, im Norden von München.

Als Jugendliche bin ich gerne zu Mini-München hingegangen: Ich habe irgendwo „gearbeitet“, worauf ich so Lust hatte, habe dann Geld erwirtschaftet (MiMü) und konnte mir damit was kaufen. Wofür ich das Geld ausgegeben habe, weiß ich heute nicht mehr.

Warum ich oft daran denke? Weil ich heute erwachsen und in der echten Welt angekommen bin. Wo ich echtes Geld verdiene, an schlechten Tagen meinen Job hinterfrage, den Einkauf erledigen muss und die Einkommenssteuererklärung einmal im Jahr erledige. Vor allem denke ich also an Mini-München, wenn ich das Erwachsenenleben … welches Wort beschreibt es am besten … anstrengend finde. Dann denke ich an Mini-München zurück und dass das gespielte Erwachsenenleben Spaß gemacht hat. Und finde das irgendwie verrückt, dass ich eben dieses Erwachsenenleben heute führe.

Natürlich liegen dazwischen Welten. Mini-München ist ein tolles Konzept, ich feiere es jetzt noch wie ich deren Webseite querlese. Als Kind/Jugendliche:r bekommt man erstmalig ein Gefühl vom Konzept einer Kommune/Stadt und erfährt von der Abhängigkeit von Lebensbereichen einer Stadt und dementsprechend des Lebens. Wobei ich wahrscheinlich die Lebensbereiche Politik und Verwaltung und ähnliches kaum/nicht wahrgenommen habe.

Viele Jahre später lebe ich das so ganz real und muss Verantwortung tragen. In allererster Linie wohl für mich und meinem Familien- und Freundeskreis, in zweiter Linie aber auch für die Gesellschaft. Meine Entscheidungen haben Konsequenzen auf die Gesellschaft. Was ich konsumiere beeinflusst die Wirtschaft. Was ich wähle beeinflusst unser Leben. Für wen ich arbeite, zeigt zu einem gewissen Punkt meine Werte und beeinflusst, wen ich wirtschaftlich unterstütze.

Ein bisschen wehmütig denke ich an die Tage zurück, an denen das Erwachsenenleben so simpel erschien. Ich möchte mich nicht über mein Leben beschweren, es ist ein gutes Leben. Aber es ist eben ein Erwachsenenleben. Mit Aufgaben und Verantwortung. Und es ist schon etwas skurril, darüber nachzudenken, dass ich gewissermaßen mal in einer Simulation gelebt habe und jetzt in der Vorlage dieser Simulation bin und ich mich manchmal frage, wie ich hierhergekommen und ob ich freiwillig hier bin. Das sind so Momente, wo ich mich von meinem Leben kurz distanziere und das alles von außen betrachte.

Ähnlich wäre es jetzt wohl, Sims 2 zu spielen. Ich habe als Jugendliche so gerne Sims 2 gespielt, stuuuundenlang. Aber ich könnte das jetzt wahrscheinlich nicht mehr – nicht nur, weil mir die Zeit fehlen würde, sondern weil ich mir die ganze Zeit denken würde: Wieso spielst du ein Leben, wenn du es jetzt doch lebst? Vielleicht, weil ich dort andere, alternative Leben führen könnte? Oder um meiner Realität zu entfliehen? Aber bei all diesen Spielen, wo Züge des Lebens simuliert werden, komme ich irgendwann an diesen Punkt, wo ich auf der Metaebene lande und mich frage, warum ich nicht einfach in der Realität bin statt zu spielen. In echt zu kochen und zu putzen statt zu spielen.

Das gespielte Leben ist einfacher, weniger anstrengend und trotzdem von Erfolg gekrönt. Es macht einfach Spaß. Früher: Wenn man keine Lust mehr hatte, dann hat man das Spiel ausgemacht und war wieder im Leben als Kind/Jugendliche:r. Aber dieser Wechsel funktioniert heute nicht mehr so gut. Und wenn die Metaebene einmal da ist, dann hängt eben dieser Gedanke im Kopf: Okay, joa, was mache ich hier eigentlich?!

Summa summarum ist es skurril bis amüsant darüber nachzudenken, dass ich sowohl als Kind/Jugendliche, aber auch als Erwachsene meine Zeit damit verbrachte, ein Leben zu führen, das ich jetzt wirklich führen kann. Dass aus dem Spiel Wirklichkeit geworden ist oder werden kann. Dass das eigentlich endlich die Chance ist. Aber an vielen Tagen vor allem eine Herausforderung ist. Aber was wollen wir tun außer das Beste daraus zu machen, nicht wahr?

PS: Das Foto von den Tankpreisen ist vom Oktober letztes Jahr… ich sag ja, dieses Erwachsenenleben.

Gesundheit von Gegenständen

Kapitel 1: Spülmaschine

Angefangen hat es mit unserer Spülmaschine, die eine Macke hatte. Die Tassen, die in der oberen Etage standen, waren sauber – bis auf etwas, das aussah wie eingetrocknete Gemüsebrühe. Diese eingetrocknete Gemüsebrühe hing mal drinnen, mal draußen. Wir hatten keine Ahnung, was die Ursache dafür war. Befüllten wir unsere Spülmaschine zu voll? War das Mittel nicht mehr geeignet? Wir versuchten dies und das und nach einer Internetrecherche war die Antwort ganz simpel: diese Drüsen, die sich drehen, sollten wir mal säubern. Oft verirrt sich dort Essensrest hinein, sei es ein Maiskorn oder ein Reiskorn, und verstopft diese Drüsen. Und das führte wohl dazu, dass diese eingetrocknete Gemüsebrühe-artige Ablagerungen entstanden. Ich verlängerte spontan meine Mittagspause (ja ja, habe während des Mittagessens im Home Office meine Recherche durchgeführt), nahm diese Drüsen raus und tatsächlich waren einige der Drüsen verstopft. Der nächste Spülgang zeigte, dass die Säuberung wirkte und die Tassen waren wieder sauber.

Einer Freundin erzählte ich von diesem Wunder, das ich vollbracht hatte. Statt verblüfft zu sein von dieser Erkenntnis, war sie geschockt, dass ich noch nie die Spülmaschine gesäubert hatte. In ihrem Haushalt machen sie das recht regelmäßig, alle paar Wochen wird die Spülmaschine gesäubert.

Mir kam der Gedanke: „Auskennen sollte man sich mit seinen Anschaffungen….“ 🤨

Kapitel 2: Funktionskleidung

Im Herbst letzten Jahres machte ich mich auf die Suche nach einer neuen Regenjacke und einem Paar Wanderschuhen. Ich war in einem großen Outdoorladen und arbeitete mich durch die Abteilungen: Erst mal eine Regenjacke finden. Während der Verkäufer mich gut beriet und mir verschiedene Jacken zeigte, lernte ich vor allem die Unterschiede der Jacken. Weshalb eine Jacke eben um so-und-so-viel Euro teurer war als die andere Jacke: Naht, Beschichtung, sonstige Gimmicks. Unter all den Erklärungen fand sich irgendwo auch eine Erklärung, wie so eine Funktionsjacke/Regenjacke zu pflegen ist. Ich habe mir geschworen, es aufzuschreiben. Denn ich will natürlich möglichst lange was von meiner Regenjacke als solches haben: sie soll ganz lange Regenwasser von mir fernhalten und den Regen schön abperlen lassen. Ich habe also wissbegierig zugehört. Es kam wie es kommen musste: Ich habe es mir nicht aufgeschrieben.

Ähnlich ging es mir mit den Wanderschuhen. Auch da habe ich Pflegetipps bekommen, damit die Schuhe lang ihrer Funktion nachgehen kann, das Material nicht porös wird und wasserdicht bleibt. Vor Ort habe ich das Pflegeprodukt noch gekauft. Aber wann ich das mal wieder anwenden soll… ich weiß es nicht. Ich habe es mir ebenfalls nicht notiert.

Kapitel 3: Bereitschaft

Aus all diesen Begegnungen kamen mir:

Kann ich denn die Dinge, die ich mir zu eigen mache, pflegen?

Weiß ich, wie ich diese lange am Leben erhalte?

Bin ich bereit, entweder Zeit oder Geld oder beides zu investieren, um mein Eigentum instand zu halten?

Ich wünschte, ich würde mir diese Fragen häufiger (immer?!) stellen, wenn ich mir etwas anschaffe. Sei es groß oder klein. Bei einigen Sachen ist es für mich naheliegender, mir diese Frage zu stellen. Kleidung etwa. Da achte ich tatsächlich beim Kauf auf das Material. Wenn ich ein Kleidungsstück aus einem delikaten Material kaufe, etwa Wolle, Leinen oder Tencel, bin ich mir bewusst, dass ich entweder lange warten muss bis sich die Maschine füllt (weil ich gar nicht so viele Kleidungsstücke dieses Materials habe) oder alternativ bin ich bereit, eine Handwäsche durchzuführen.

Aber darüber hinaus stelle ich mir selten die Frage nach der Pflege und ob ich diese leisten kann (will). Viele Anschaffungen mache ich ohne über die notwendige Pflege nachzudenken. Nicht unbedingt, weil ich denke, dass eine Neuanschaffung günstig ist und diese schnell durch einen Neukauf zu ersetzen ist. Sondern einfach aus der (dringenden) Notwendigkeit heraus oder dem innigen Kaufwunsch, gepaart mit Ungeduld und Naivität, dass ich mich schon drum kümmern werde. Und dann kickt die Realität.

Vieles haben wir gelernt und machen wir bereits im Alltag: Wir halten unsere Küche sauber, spülen das Geschirr ab, halten die Wohnung/das Haus sauber, waschen unsere Kleidung. Aber viele Sachen wurden bei mir in diesem Pflegezyklus nicht mitgedacht. Ich denke, unter anderem ist die Frage, was ich gelernt und mitbekommen habe von meinem eigenen Zuhause als ich aufwuchs. Kleidung waschen (dunkel/hell) habe ich im Elternhaus gelernt; eine Spülmaschine hatte ich erst im Erwachsenenalter, in der ersten eigenen Wohnung mit Partner. Da war sie halt, die Spülmaschine und wir haben uns beide nie gefragt, was wir machen müssten, um sie am Funktionieren zu halten.

Kapitel 4: Gesundheit

Das ist das, was ich selbst mitnehme: Mich mit meinem Eigentum auseinanderzusetzen und zu lernen, wie ich es pflege, damit ich noch lange was von ihnen habe. Wenigstens darüber nachdenken und/oder probieren die Pflege zu geben, die es braucht, um dessen Lebenszeit zu verlängern. Mir ist bewusst, dass in jeden Gegenstand, sei er günstig oder teuer in der Anschaffung, Ressourcen in Form von Material, als auch in Form von Zeit und Energie hineingeflossen sind.

Das wird mir auf lange Sicht bestimmt Geld sparen, aber vor allem ist es ein schönes Gefühl, Dinge am Leben erhalten zu können. Bevor sie kaputt gehen und repariert werden. Wie heißt es so schön… Vorsorge ist besser als Nachsorge? Das gilt nicht nur für unsere Gesundheit, es gilt auch für die Gesundheit unseres Eigentums. Und lieber „spät“ als nie – also jetzt mich mit dem beschäftigen, was sich bereits in meinem Haushalt befindet und nachhaken, ob ich weiß, wie ich X oder Y intakt halten kann. Es ist ein großes Unterfangen – aber diese Fürsorge bin ich den Dingen meines Lebens irgendwie auch schuldig.

Ich kann also endlich mal herausfinden und anschließend notieren, wie ich meine Regenjacke, meine Wanderschuhe und meine Waschmaschine pflegen sollte.

Und, was gibt es bei dir so, das ein bisschen Pflege verdient hätte?

2442 Stunden später kommentieren

Manchmal kommentiere ich recht zeitnah zum Zeitpunkt der Veröffentlichung eines Blogposts von Anderen. Und manchmal lasse ich mehrere Wochen ins Land gehen bis ich es tue. Bis dahin sind die Posts bei mir im Feedreader abgespeichert. Dann tauchten Fragen über Fragen auf:

Interessiert mein Kommentar nach all der Zeit noch irgendjemanden?

Interessiert mein Kommentar noch den:die Blogger:in?

Gibt es ein „zu spät“ beim Kommentieren?

Lohnt sich das Abspeichern und damit das vage Versprechen, später darauf zurückzukommen?

Zuletzt dachte ich: Nein, es gibt eigentlich kein „zu spät“; und Ja, es lohnt sich. Vielleicht ist es sogar ganz cool, dass nach der ersten Kommentarwelle (die meist innerhalb der nächsten Stunden und Tage nach Erscheinen ist) doch noch jemand diesen Text gelesen und kommentiert und so die „Halbwertszeit“ des Blogbeitrags verlängert. Dass er sogar nach ein paar Wochen und Monaten noch Gedanken anstößt und zu einem Kommentar verleitet (ich gehe immer von konstruktiven Kommentaren aus).

Meistens lese ich Blogs am Handy. Aber ich schreibe wirklich sehr, sehr ungerne am Handy Kommentare. Das fühlt sich einfach beengt an. Ich brauche eine physische Tastatur und einen halbwegs ordentlichen Bildschirm. Aber sogar wenn ich beides habe, lasse ich mir manchmal Zeit mit dem Kommentieren. Weil der Kommentar neben diesen zwei physischen Mitteln auch noch Zeit und Ruhe braucht. Damit ich meine Gedanken sortieren und zu einem Kommentar basteln kann. Und so kommt es, dass mehrere Wochen, Monate, vergehen bis ich mich endlich zum Kommentarschreiben bewege.

Ich denke mir auch: Kommentare sind ja eine schöne Sache und man freut sich doch meist über sie. Sei es jetzt 24 Stunden nach Veröffentlichung oder 2442 Stunden. Und so schenke ich im besten Fall einer Person eben mit ein paar sehr viele Stunden später ein kleines bisschen Freude. Oder mache ich mir hier was vor?

Zusammenfassend finde ich es nicht doof oder schlimm, erst nach einigen Wochen oder Monaten bei Anderen zu kommentieren. Ich bin davon überzeugt, dass der:die Blogger:in sich auch dann noch über eine Reaktion freut. Manchmal bin ich auch davon überzeugt, dass es eine kleine freudige Überraschung ist, dass ich so viel später noch kommentiere.

Außer mir sagt jetzt jemand, dass ich das bitte bei ihr:ihm unterlassen soll – so melde sich dieser jemand bei mir und ich weiß für die Zukunft: Jetzt oder nie.